Mit ein bisschen Lip-Sync und Augenzwinkern erhalten sie tausende Likes auf TikTok und Instagram Reels. Wie geht das?

Ich öffne TikTok und sehe Tim Schäcker in die Kamera blicken. Mit dem Rücken zur Kamera stehen seine Elevator-Boys-Kumpels Bene Schulz und Jacob Rott. Der TikTok-Clip geht wenige Sekunden, Tim deutet mit seiner Mimik und dem Text „There’s a cute girl over there“ immer wieder an, dass sie sich umdrehen sollen. Das tun sie dann auch und starren, passen zum Beat, kurz direkt in die Kamera. Währenddessen hüpft Tim vergnügt aus dem Bild. Das Video hat über 105 Tausend Likes.
Moment mal, was ist da gerade passiert?

Was sind eigentlich TikTok-Boys?

TikTok-Boys ist sicherlich kein offizieller Name, aber einer, den ich dieser Gruppe an Nutzern gerne gebe. In Deutschland sind die bekanntesten Beispiele wohl die Elevator-Boys, die ihren Namen von ihrem ersten krass viralen Video haben. Im Video öffnet sich eine Aufzugtür, die Kamera filmt von unten nach oben eine Gruppe attraktiver Jungs, die auf unterschiedlichste Arten mit der Kamera flirten. So oder so ähnlich laufen Videos von TikTok-Boys oft ab. Nachgestellt wird eine Situation, in der man als Zuschauerin oder Zuschauer den Blickwinkel der Kamera einnimmt und sich fast schon sicher sein kann: Einer der Jungs wird mir gleich flirty Blicke zuwerfen. Oft stellen die Jungs dabei klischeehafte Filmszenen oder Alltagserlebnisse nach, in denen man sich ganz plötzlich total in jemanden verguckt. Sie fahren Rolltreppen hoch, scherzen miteinander und einer von ihnen fixiert immer wieder mit verliebten Blicken die Kamera – POV: I meet you on the way home.
Auch unangestrengte Lip-Sync Videos mit flirty Blicken, Challenges oder Tanz-Videos gibt es von TikTok-Boys, die sich außerdem durch ihr gutes Aussehen und ihren immer modernen Style auszeichnen.

Tim Schäcker auf TikTok

Wieso funktioniert das so gut?

Während andere Content-Creator sich stunden und tagelang mit komplizierten Schnitten und kreativen Clips beschäftigen, bekommen TikTok-Boys für ein paar nachgestammelte Textzeilen schon Likes en Masse. Was funktioniert daran also so gut?

Die Jungs bedienen sich dabei verschiedener Mechanismen, die Menschen ansprechen. Durch ihre direkten Blicke in die Kamera fühlen wir uns angeschaut, eine sogenannte parasoziale Interaktion entsteht. Parasozial ist sie deswegen, weil wir zwar auf die süßen Blicke reagieren können, allerdings von unserem Handybildschirm natürlich nichts zurückkommt… und die Boys nie erfahren werden, wie wir wirklich auf ihre Blicke reagiert haben. Sieht man sich ein paar Videos der Jungs an, folgt ihnen, entsteht schnell eine sogenannte parasoziale Beziehung. Man fühlt sich so, als würde man die andere Person ein bisschen kennen. Parasoziale Beziehungen sind nichts Ungewöhnliches, wir haben sie zu vielen Medienpersonen und ganz besonders zu Influencern, die wir oft tagtäglich begleiten. Hier kannst du genauer nachlesen, warum auch die in einer parasozialen Beziehung bist!

Außerdem bedienen sich die TikTok-Boys noch Skripten, die uns allen nur zu bekannt sind. Gemeint sind damit klischeehafte Abläufe, die wir von Kindesbeinen an immer wieder in den Medien, zum Beispiel in Teenie-Filmen und Serien, sehen. Da ist der coole Junge, der sich beim Abhängen so sehr in ein vorbeilaufendes Mädchen (bzw. die Kamera) verliebt, dass er gar nicht mehr wegschauen kann und sich ein bisschen blamiert. Oder der Badboy mit schwarzer Lederjacke, der für seine Angebetete (bzw. die Kamera) absolut alles tun würde, sogar zum süßen Schmusebär werden. All die Liebesgeschichten kennen wir schon, erkennen sie in Sekunden in den Clips wieder und fühlen uns damit wohl. Denn mal ehrlich: Wer wünscht sich so eine märchenhafte Situation nicht?

Bene Schulz auf TikTok

Sind TikTok-Boys schlimm?

TikTok-Boys können für andere Creator ganz schön ärgerlich sein – insbesondere dann, wenn die sich extrem viel Mühe für ihren Content geben, aber trotzdem nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie ein paar Zwinkerer uns sexy Lippenlecken von den attraktiven Jungs. Klar, dass da auch Neid aufkommt. Dabei machen TikTok-Boys auch nur ihren Job. Als Content-Creator auf Social-Media Geld verdienen. Hate gegenüber solchen Jungs ist daher unangebracht. Sich über das simple Spiel mit Blicken, Zwinkern und Lippenlecken ein bisschen lustig machen, muss aber erlaubt sein.
Wenn du gerne TikTok-Boys schaust, vielleicht einen Crush auf den ein oder anderen hast, dann mach dir immer wieder bewusst: Was du da siehst, ist ein ausgeklügeltes System. Die Jungs flirten mit der Kamera und nicht mit dir. Wie sie jenseits der Kamera drauf sind oder ungefiltert aussehen… das weißt du nicht. Eine Schwärmerei für einen TikTok-Boy ist völlig normal. Sei dir aber bewusst, dass daraus nicht die große Liebe werden kann, auch wenn es in ihren Videos oft danach aussieht.
 

Was denkst du?

Wie findest du TikTok-Boys und wer ist dein größter Crush? Schreib mir gerne auf dem Handysektor-Instagram-Account deine Meinung!


 

Artikel vom 11.03.2022.